Kognitive Verhaltenstherapie

 

Die kognitive Verhaltenstherapie nimmt an, dass bestimmte Situationen falsche Grundüberzeugungen oder Kernüberzeugungen auslösen, die sich negativ auf Gedanken, Gefühle, Verhalten und körperliche Reaktionen auswirken. Wenn wir gelernt haben zu erkennen, welche Situationen solche destruktiven Gedanken auslösen, kann man neue Auslegungen entwickeln, die dann das bisherige Reaktionsmuster verändern.

 

Die Therapie wird häufig eingesetzt, um Menschen mit Phobien, Depressionen, Ängsten oder Süchten zu helfen. Um zu zeigen, wie sie funktioniert, betrachten wir Lily, ein Mädchen im Teenageralter. Sie hasst es, zur Schule zu gehen, denn sie hat Angst davor, beurteilt und gedemütigt zu werden.

 

In der ersten Sitzung versucht die Therapeutin Vertrauen aufzubauen. Sie erklärt ihr, wie die kognitive Verhaltenstherapie funktioniert. Denn je besser Lily den Prozess versteht, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Therapie wirksam ist.

 

Die Therapeutin veranschaulicht auch, wie unser Gehirn in bestimmten Situationen einem festen Weg bestimmter Argumentationen folgt. Diese Wege verfestigen sich über Jahre hinweg, wenn wir immer wieder denselben Gedankenweg gehen. Viele unserer destruktiven Verhaltensweisen beruhen auf falschen Kernüberzeugungen, Gedanken, die objektiv gesehen keinen Sinn ergeben.

 

Wir haben diese falschen Überzeugungen entwickelt, als wir noch zu jung waren, um andere Menschen richtig zu verstehen. Im Laufe der Therapie wird Lily versuchen, diese falschen Überzeugungen zu verlernen und neue mentale Pfade zu erschaffen. Diese werden die falschen Überzeugungen, die sie von sich selbst hat, durch realistischere Gedanken ersetzen.

 

Sobald Lily den Prozess verstanden hat, beginnt die Therapeutin, ihr nach der sokratischen Methode Fragen zu stellen. Das ist eine Form der argumentativen Konversation, die das kritische Denken anregt, um falsche Überzeugungen und die zugrunde liegenden Annahmen herauszufinden. »Möchten Sie mir sagen, warum Sie heute hier sind?« beginnt die Therapeutin.

 

»Weil ich glaube, dass ich nicht normal bin.« antwortet Lily. »Sie kommen mir ganz normal vor. Können Sie das genauer sagen?« »Ich glaube, ich habe Angst vor Menschen.« »Also Sie haben Angst vor mir? « »Nein.« »Fühlen Sie sich sozial unsicher?« »Ich bin nicht sicher, was Sie meinen.« »Sagen Sie mir, wie Sie sich in der Schule fühlen.« »Ich habe Angst, hinzugehen, weil alle denken, ich bin dumm.« Während des gesamten Gesprächs macht sich die Therapeutin Notizen zu Lilys Antworten.

 

Sie erkennt so die Anzeichen einer sozialen Angst, die auf einer falschen Grundüberzeugung beruht, nämlich, dass Lily glaubt, sie sei dumm. Als Hausaufgabe soll Lily sich selbst beobachten. Das Ziel herausfinden, welche Situationen ihre negativen Gedanken auslösen.

 

Sie bekommt ein Tagebuch, in dem sie alle Auslöser und andere Beobachtungen einträgt, zum Beispiel Selbstgespräche oder Deutungen von bestimmten Ereignissen und Personen. In der folgenden Woche wird sich Lily ihrer Gedanken und der körperlichen Reaktionen, die sie auslösen, bewusster. Indem sie auf ihre Gefühle achtet, erkennt sie ein bestimmtes Muster, das jedes Mal während des Matheunterrichts auftritt.

 

In dem Moment, in dem ihr Lehrer beginnt, Fragen zu stellen, fängt ihr Herz an zu rasen und ihre Handflächen werden schwitzig. Sie macht sich Sorgen, die Frage beantworten zu müssen, einen Fehler zu machen, vor den anderen dumm dazustehen. In der zweiten Sitzung teilt Lily ihre Beobachtungen mit. Die Therapeutin hilft ihr zu erkennen, dass ihre kognitiven Verhaltensmuster falsch sind. Erstens sind ihre Mathenoten großartig, also sollte sie sich alles andere als dumm fühlen. Zweitens erklärt sie, dass es für ein und dieselbe Sache immer mehrere Interpretationen gibt.

 

Was für Lily ihr dummes Gesicht ist, sieht für andere vielleicht nur so aus, als wäre sie unglücklich darüber, dass sie antworten muss. Der Grund für ihre Angst vor dem, was die Leute denken, ist eine Form von sozialer Angst, eine völlig irrationale kognitive Verhaltensreaktion. Im weiteren Verlauf der Sitzungen schlägt die Therapeutin drei praktische Strategien vor.

 

Mithilfe von Tagebüchern hält Lily ihre negativen Überzeugungen fest und formuliert sie in positive um, die die alten Überzeugungen dann ersetzen können. Konstruktive Selbstgespräche helfen ihr, eine kritische Stimme durch eine positive zu ersetzen. Und sie beginnt mit Expositionsübungen, was bedeutet, dass Lily sich absichtlich in Situationen begibt, in denen sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht.

 

Auf dem Weg dorthin setzen sich die beiden Ziele, die spezifisch, messbar, erreichbar, im Englischen attainable, realistisch und zeitlich begrenzt, also time-based sind. Smart-Ziele geben ihr die Kontrolle über ihre Fortschritte und helfen ihr, Vertrauen in sich selbst zu gewinnen. Mit der Zeit und viel Übung baut ihr Gehirn neue neuronale Bahnen auf, die zu anderen, neutraleren Reaktionen auf dieselben alten Auslöser führen.

 

Und eines Tages mag Lily es sogar, vor ihrer Klasse zu sprechen. Ihre Einschätzung der Situation ist realistischer und stimmt besser mit der Einschätzung der anderen überein. Die kognitive Verhaltenstherapie wurde ursprünglich 1964 von Aaron Temkin Beck entwickelt.

 

 

 


 



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